Alternative Bank-Vertriebskanäle
Die jüngsten wirtschaftlichen Turbulenzen und die wachsende Marktkomplexität haben zu einem nie zuvor dagewesenen Druck auf die Finanzinstitute geführt. Die Forderung nach einem digitalen Lebensstil und die technologische Revolution, die dies zu Hause und am Arbeitsplatz auslöst, verbunden mit einem signifikanten demographischen Wandel und einem neuen gesetzlichen Regelwerk stellen den Finanzsektor in Zeiten der großen Marktunsicherheit vor neue Herausforderungen. In Zeiten wie diesen ergeben sich aber Chancen für Unternehmen, sich außerhalb ihrer Komfortzone zu begeben. So werden Innovationen im Bereich der Finanzdienstleistungen angeregt. Der Versuch der Leistungsoptimierung und Kostenminimierung führt Banken immer mehr in Richtung des 24/7-Service. Die Kunden genießen das größere Freiheitsgefühl, das sie dadurch bekommen. Verfügbarkeit ist das Gebot der Stunde und wir fordern einen ständigen Zugang zu Krediten, Guthaben und dem Kontostand. Was ist also der nächste Schritt? In dem Versuch, sich noch stärker von der Konkurrenz abzuheben, untersuchen Finanzdienstleistungsinstitute jetzt alternative Bank-Vertriebskanäle einschließlich Internet, Telebanking, Selbstbedienungs- Filialen, Handy- und Faxbanking.
Trotz dieses Trends bleibt die Forderung nach Filialdienstleistungen nach wie vor groß, auch wenn wir sehen werden, dass sich die Art der geforderten Leistungen deutlich geändert hat.
Technologieentwicklung
In den letzten 30 bis 40 Jahren wurde der weltweite Bankensektor durch einen Ansturm neuer Technologien und durch die verbreiteten Änderungen der Bestimmungen revolutioniert, die die Nutzung dieser Technologien regulieren.
Das hat dazu geführt, dass viele Banken mit der Anpassung ihrer Vertriebskanäle begonnen haben. Der direkte persönliche Service wird immer mehr durch den Direktvertrieb und das Marketing über Telefon, E-Mail oder durch elektronische Transaktionen ersetzt. Man geht allgemein davon aus, dass davon sowohl das Unternehmen als auch der Kunde profitieren.
Entwicklung der wichtigsten Kanäle:
- Geldautomat: In den 90ern stieg die Zahl der aktiven Geräte in Europa um atemberaubende 50%. Während er ursprünglich nur zur Geldabhebung diente, unterstützt der Geldautomat heute eine Vielzahl von Leistungen, einschließlich Einzahlungen und Kontoinformationen. Zur Bekämpfung der unpersönlichen Wirkung des sogenannten „Lochs in der Wand“ hat die spanische Bank BBVA ihren „Geldautomaten der Zukunft“ entwickelt, eine innovative Touchscreen- Schnittstelle mit kundenspezifischen Verknüpfungen zur Widerspiegelung der individuellen Kundenanforderungen.
- Telebanking: Das erste Call Center wurde 1983 in den USA von MCI eingerichtet. Dies kennzeichnete den Wandel in vielen Unternehmen hin zu zentralen Kunden-Service-Zentren, häufig mit einem automatischen Antwortdienst (IVR) mit Spracherkennungssystemen. Trotz dieser Anstrengungen, von der persönlichen Betreuung Abstand zu nehmen, werden für die meisten Call Center-Aktivitäten Menschen eingesetzt, insbesondere bei Transaktionen.
- Online Banking: Ein weiterer Vertriebskanal aus den 90ern, der aber am Ende des Jahrzehnts keine weite Verbreitung aufwies.
Ursprünglich wurde er als Marketingplattform des Bankinstituts genutzt. Heute erfreuen sich die Websites als Tür zur Welt der 24-Stunden-Online- Transaktionen eines neuen Aufschwungs. Eine Ende 2009 von der American Banker Assosciation (ABA) durchgeführte Studie bestätigte, dass in einigen Ländern der direkte Zugang zu Online-Kontoinformationen und Online-Transaktionen mehr genutzt wird als das traditionelle Banking.
- Handy-Banking: Dieser Kanal ist recht neu, zeigt aber schon ein stetes Wachstum. Ursprünglich war er als Push- bzw. Pull-Tool für informative Textnachrichten gedacht. Heute ermöglicht er den Zugang zum privaten Konto. Vorhersagen zufolge wird er die neue mobile Zahlungsmethode bzw. das „digitale Portemonnaie“ der Zukunft.
- Social Media: In den letzten Jahren sind die Social Media neben dem Handy-Banking erschienen. Die Banken glauben der Unpersönlichkeit unseres digitalen Zeitalters entgegenwirken zu müssen, indem sie den Kunden mehr Kontakt auf einer als One-to-One empfundenen Stufe anbieten. Obwohl die Social Media Plattformen sich noch stark auf Marketing-Inhalte stützen, geht der Trend hin zur Entwicklung interaktiverer Leistungen.
Im September 2010 hat die neuseeländische Bank ASB ihre erste virtuelle Filiale auf Facebook eröffnet. Sie bietet persönliche, bankfachliche Beratung Montag – Freitag von 10.00 bis 18.00 Uhr. Tatsächliche Transaktionen sind jedoch nicht möglich. Die Möglichkeiten auf diesem Kanal sind zwar noch eingeschränkt, es ist jedoch der erste Schritt zur Verwendung einer immer beliebteren Plattform mit großem Potential.
Festlegen der richtigen Vertriebskanal-Strategie
Bevor ein Unternehmen seinem Gesamtportfolio alternative Kanäle hinzufügt, muss es eine allgemeine Vertriebskanal-Strategie erstellen, um im Umgang mit den Kunden Konflikte oder Verwirrungen zu vermeiden. Diese Vertriebskanal-Strategie muss die Unternehmensstrategie der Bank unterstützen und sowohl für die Bank als auch für den Kunden von Nutzen sein. Da sich die Leistungen der einzelnen Banken normalerweise nicht sehr unterscheiden, muss durch die Strategie sichergestellt werden, dass jeder Kanal so positioniert wird, dass er dazu beiträgt, sich von anderen Banken abzuheben.
Strategie
Der Prozess zur Festlegung der Strategie kann in drei Phasen gegliedert werden: Segmentierung, Channeling und Leistungsmatrix. Die Herausforderung liegt darin, herauszufinden, welche Kundengruppen die Bank ansprechen möchte und durch welche Kanäle und Leistungen sie dies erreichen möchte.
Segmentierung
In Bezug auf die Erwägung alternativer Vertriebskanäle können die Kunden normalerweise in vier Hauptgruppen unterteilt werden: diejenigen, die menschlichen Kontakt bevorzugen; diejenigen, die neuen Vertriebskanälen offen gegenüber stehen; die Unsicheren und deshalb Unentschlossenen und diejenigen, deren Präferenzen sich abhängig von der jeweiligen Leistung unterscheiden. Die zweite Gruppe besteht üblicherweise aus jüngeren, reicheren und sehr hochgebildeten Kunden, die weniger Zeit haben, eine Filiale aufzusuchen (eine Situation, die häufig durch den Mangel an Filialen in ihrer Nähe verstärkt wird) und die sich mit den neuen Technologien, die bei den alternativen Vertriebskanälen genutzt werden, zu Hause fühlen. Die „überall und jederzeit“ Verfügbarkeit und Erreichbarkeit alternativer Vertriebskanäle, gekoppelt mit Zeitersparnis und geringeren Kosten, machen das Leben einfacher für sie und erhöhen darum die Kundenloyalität. Die Kunden aus den anderen drei Gruppen sehen verstärkt die Gefahren der alternativen Vertriebskanäle. Deshalb müssen sie von der Bank beruhigt werden, bevor sie sich bei der Nutzung dieser Vertriebskanäle wohl fühlen. Die Komplexität einiger Leistungen und die verwendeten Technologien machen ihnen Angst vor möglichen Fehlern und den daraus resultierenden Schwierigkeiten. Hier müssen die Banken die Betonung auf das Sicherheitsnetz hinter solchen Transaktionen legen sowie darauf, dass ständig Menschen eingreifen können, wenn dies erforderlich ist.
Channelling
Es ist wichtig, dass sich die Bank an jede Kundengruppe mit dem von ihr gebrauchten Kanal wendet und ihr dann die Alternativen schmackhaft macht. Dieser Prozess ist einfacher, wenn die Bank bereits einen guten Ruf für die Handhabung ihrer verschiedenen Vertriebskanäle hat und ihr die Kunden vertrauen. Die verwendete Technologie sollte auch als verlässlich und einfach in der Handhabung angesehen werden. Die Meinung des Kunden zu dem jeweiligen Vertriebskanals ist ein Schlüsselfaktor für den Erfolg.
Bevor dem Portfolio ein Vertriebskanal hinzugefügt wird, muss sein Potential bewertet werden. Trotz der Erwartungen der Banken, dass alternative Vertriebskanäle die Kosten senken und zusätzliche Einnahmen generieren, ist es nicht sicher, ob sich die hohen Investitionskosten und die festen Betriebskosten der Errichtung neuer Vertriebskanäle nicht negativ auf den Saldo auswirken, auch wenn die individuellen Transaktionskosten sinken. Das muss bei der Auswahl der Vertriebskanäle berücksichtigt werden und gegen die Einsparungen bei den Lohnkosten aufgrund einer reduzierten Filialentätigkeit während der Stoßzeiten abgewogen werden. Die Bank sollte auch erforschen, wie sich Synergieeffekte zwischen den Kanälen nutzen lassen.
Leistungsmatrix
Sobald die Kundensegmentierungs- und Channeling- Verfahren abgeschlossen sind, können die individuellen Leistungen festgelegt werden, die durch die verschiedenen Kanäle bereitgestellt werden sollen. Einige Leistungen können leicht von anderen Kanälen übernommen werden. Kunden scheinen beispielsweise wenig Bedenken zu haben, eine Kreditkarte oder einen kurzfristigen Kredit online zu beantragen oder bereits bestehende Versicherungspolicen zu verlängern. Je komplexer eine Leistung jedoch ist und je mehr Bedeutung, Risiken oder Kosten Kunden mit ihr in Verbindung bringen, desto zurückhaltender werden sie und desto wahrscheinlicher ist es, dass sie menschliche Interaktion und ein persönliches Treffen mit einem Kundenberater vorziehen. Es ist eine Sache, den Anlagestatus online abzurufen und eine ganz andere, eine als hochriskant empfundene, langfristige Verpflichtung ohne professionelle Hilfe und Beratung einzugehen. Hypotheken oder Lebensversicherungen bleiben also eher eine Tätigkeit für die Filialen oder benötigen zumindest eine umfangreichere Form der menschlichen Interaktion.
Sobald die Strategie erarbeitet ist und wir wissen, welcher Teil unserer Aktivitäten an individuelle Kanäle, Kunden oder Leistungen gerichtet wird, können wir mit der Festlegung des Betriebsablaufs für die Verwirklichung unserer Vision beginnen.
Operational Design
Jetzt muss die Strategie in eine organisatorische Struktur umgesetzt werden, die die individuellen Funktionen, Verantwortlichkeiten und Schnittstellen widerspiegelt, die Teil des Betriebskonzepts sind. Es muss das Geschäftsvolumen für jeden Vertriebskanal abgeschätzt werden und es müssen die erforderlichen Investitionen geplant und die Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Während der Planungsstufe spielt auch der zu erzielende Gesamtnutzen eine große Rolle. Wenn alles geklärt ist, kann in einem Probelauf mit einem Pilotprojekt geprüft werden, ob das Konzept hieb- und stichfest ist.
Durchführung
Ist der Strategieplan erstellt, kann mit der tatsächlichen Umsetzung begonnen werden. Im Folgenden werden einige praktische Schritte aufgeführt:
- detaillierter Aktionsplan mit individuellen Aktivitäten
- Schulungsmaßnahmen zur Unterstützung dieser Aktivitäten
- KPIs zur Kontrolle des Fortschritts und des erzielten Nutzens
- Änderungsmanagement
- Unterstützungsmanagement
- darauffolgendes Abstimmen der Aktivitäten
Man darf jedoch nicht fälschlicherweise glauben, dass das spezifische, umgesetzte Vertriebskanalportfolio eine starre Struktur ist, die ewig gültig bleibt. Bankinstitute müssen die Marktentwicklungen weiterhin genau beobachten und ihr Angebot an Leistungen und Vertriebskanälen regelmäßig überprüfen, um sicherzustellen, dass sie mit den neuen Trends Schritt halten und nach wie vor alle Bedürfnisse des Kunden befriedigen.
Abwägen von Offline und Online
Wir haben also gesehen, dass der Convenience- Faktor von Online-Transaktionen zwar dafür sorgt, dass diese Kanäle viel genutzt werden, Kunden aber dennoch die Erfahrungen und Zusicherungen schätzen, die sie in einer Filiale erhalten. Die Form und Funktion der Filialen wird sich jedoch im Laufe der Zeit ändern müssen, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll bleiben sollen.
Wie verringern wir die Kosten der Filialen, ohne die Nähe zum Kunden zu verlieren? Schließungen sind nicht die Antwort. Eine Lösung könnte die Entwicklung sogenannter „dedizierter“ Filialen sein. Diese konzentrieren sich auf ein kleines Angebot an Kernleistungen, die auf ein spezifisches Kundensegment ausgerichtet sind und von einem Minimum an Mitarbeitern erbracht werden.
Der Schlüssel zum Erfolg scheint also das richtige Ausbalancieren zwischen dem Zugang und der Verfügbarkeit von Online-Vertriebskanälen und dem persönlichen Service und Rat der Offline-Variante zu sein. Vorrangiges Ziel wird es immer sein, die Kunden in hohem Maße zufrieden zu stellen.
Von Adi Kohali, Associate Partner, Tefen Israel
Adi Sheleg, Senior Consultant, Tefen Israel









